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Ausland­serb­schaft: reibungslose Übergabe

Geht Vermögen außerhalb Deutsch­lands an die nächste Generation, droht oft ein finan­zi­eller Aderlass, weil zwei Finanz­be­hörden Steuern kassieren wollen. Nur mithilfe erfah­rener Berater lässt sich hier eine möglichst schonende Lösung finden.

Autor: Eva-Maria Neuthinger und Harald Klein


Eigentlich sind Feinheiten für Gerhard Reisinger Tages­ge­schäft – auch inter­na­tional. „Seit zehn Jahren agieren wir über die Grenzen hinaus“, sagt der Schrei­ner­meister, der in Reichenbach in der Oberpfalz einen Betrieb für Akustik- und Trockenbau, Innen­ausbau sowie Wandsysteme führt. Mit höchster Passge­nau­igkeit begeistern 24 Mitar­beiter Export­kunden von Polen bis nach Panama – bei Gebäuden mit Spezi­al­an­for­de­rungen, etwa Reinräumen, ein gutes Verkaufs­ar­gument. Obwohl Reisinger seine unter­neh­me­rische Zukunft zum Großteil außerhalb Deutsch­lands sieht, plant er dort aber keine Standorte. Das liegt an jenen Feinheiten, mit denen der Firmenchef sich lieber nicht belastet – sie sind juris­ti­scher und steuer­licher Natur. Reisinger weiß, dass inter­na­tionale Nieder­las­sungen die intensive Beschäf­tigung mit lokalem Gesetz erfordern: „Produk­ti­ons­ver­mögen im Ausland kommt für mich aufgrund der kompli­zierten Rechts­ver­hält­nisse sicher nicht infrage.“

Mit dieser Einstellung zählt er zu einer Minderheit. Immer mehr Unter­nehmer inves­tieren jenseits der Grenzen in Produk­ti­ons­an­lagen und Immobilien, haben dort Konten und Betei­li­gungen. Ihr Vermögen steckt – der anhal­tenden Diskussion um Steuer-CDs und Schwarzgeld zum Trotz – in legalen Konstruk­tionen, die der betrieb­lichen Tätigkeit oder der privaten Geldanlage dienen. Doch auch dann drohen noch böse Überra­schungen. Ohne Hilfe durch erfahrene Rechts­an­wälte und Steuer­be­rater ist es schwierig, alle steuer­lichen und zivil­recht­lichen Beson­der­heiten bei Auslands­ver­mögen zu beachten. Das gilt gerade für Firmen­chefs, die es möglichst schonend übertragen wollen. „Ohne spezielle Regelungen erheben oft gleich zwei Staaten unter Umständen empfindlich hohe Steuern“, warnt Thilo Söhngen, Vizeprä­sident des Deutschen Steuer­be­ra­ter­ver­bandes Westfalen-Lippe. Bei Famili­en­un­ter­nehmen betrifft dies sowohl die betrieb­liche als auch die private Sphäre. Kluge Firmen­chefs entwi­ckeln deshalb frühzeitig umfas­sende Lösungen.

Wichtig ist, den letzten Willen mit Blick auf das Auslands­ver­mögen schriftlich festzu­legen, so Holger Stein, Präsi­di­al­mit­glied der Bundes­steu­er­be­ra­ter­kammer. Erstens lässt sich so verhindern, dass das gesetz­liche Erbrecht greift und mehrere Angehörige als Erben­ge­mein­schaft Zugriff auf das Vermögen erhalten. „Sonst sind Ausein­an­der­set­zungen innerhalb der Familie program­miert“, sagt Söhngen. Zweitens kann beim Ausar­beiten des Testa­ments den Beson­der­heiten des Erbrechts in verschie­denen Ländern Rechnung getragen werden. In Deutschland einigen sich Ehepaare beispiels­weise oft auf das sogenannte Berliner Testament, wonach beim Tod eines Partners der Überle­bende das Vermögen erhält. Zählt dazu auch eine Betei­ligung etwa in Italien, ist Ärger zu erwarten. „Die Italiener erkennen ein Berliner Testament nicht an“, betont Holger Stein. Darum sollte bereits vor Inves­ti­tionen im Ausland mit Experten genau geklärt werden, wie die (erb-)rechtlichen Aspekte der Trans­aktion zu gestalten sind.

Steuer­ab­kommen studieren Generell wird der Übergang von Auslands­ver­mögen in andere Hände teurer, wenn keine Klarheit über die juris­ti­schen Rahmen­be­din­gungen im jewei­ligen Land und die dazu passenden Gestal­tungen und Verträge besteht. „Nur mit den USA, Frank­reich, Dänemark, Schweden sowie der Schweiz und Griechenland gibt es Doppel­be­steue­rungs­ab­kommen bei der Erbschaft- und Schen­kungsteuer“, sagt Thilo Söhngen. Bei Betei­li­gungen oder Konten in den Nieder­landen oder Luxemburg sowie in den meisten anderen Staaten dürften also im Zweifel zweimal Steuern anfallen. Eine für August 2015 geplante Reform des Erbrechts innerhalb der EU sieht zwar grund­sätzlich Verbes­se­rungen vor, aber die konkrete Ausge­staltung der entspre­chenden Gesetze in den einzelnen Ländern steht noch nicht fest.

Bewer­tungs­gesetz beachten Zwar kennt das deutsche Erbschaft- und Schen­kungsteu­er­recht die Möglichkeit, die in einem EU-Land gezahlte Erbschaft­steuer anrechnen zu lassen – aber nicht in vollem Umfang. Wird Vermögen im Inland wie im Ausland geerbt, greift Paragraf 21 des Erbschaft- und Schen­kungsteu­er­ge­setzes. „Diese Vorschrift führt in vielen Fällen zu keiner oder zu einer nur teilweisen Anrechnung auslän­di­scher Erbschaft- oder Schen­kungsteuer“, warnt Marc Jülicher, Dozent der Bundes­fi­nanz­aka­demie bei der Münchner Steuer­fach­tagung.

Bei der Anrechnung der auslän­di­schen Steuer berück­sichtigt das Finanzamt nur Vermögen, das in einem Katalog zum Bewer­tungs­gesetz festgelegt ist. Nach Paragraf 121 des Bewer­tungs­ge­setzes zählen dazu etwa land- und forst­wirt­schaft­liches Vermögen, Grund­ver­mögen (Immobilien), Betriebs­ver­mögen, Anteile an einer Kapital­ge­sell­schaft, Wirtschafts­güter des Gewer­be­be­triebs, Hypotheken und Grund­schulden. Auch Steuern auf Betei­li­gungen an einem Handels­ge­werbe als stiller Gesell­schafter und aus partia­ri­schem Darlehen, die der Unter­nehmer im Ausland hält und verschenkt oder vererbt, rechnet die deutsche Behörde an. Eine wichtige Ausnahme für zahlreiche Unter­nehmer: Die Erbschaft- oder Schen­kungsteuer auf Bankgut­haben im Ausland berück­sichtigt der Fiskus hierzu­lande nicht.
Liegt die Steuerlast im Ausland höher als im Inland, rechnet das Finanzamt die Zahlungen an. Es gibt aber kein Geld zurück. Verlangt der deutsche Staat mehr Erbschaft- und Schen­kungsteuer als das Ausland, muss der Steuer­zahler seiner Pflicht hier in voller Höhe nachkommen. Außerdem entsteht bei Übertra­gungen von Auslands­ver­mögen mehr Bürokra­tie­aufwand. Wer auslän­di­sches Vermögen geschenkt oder vererbt bekommt, hat eine erhöhte Mitwir­kungs­pflicht. „Erben oder Beschenkte müssen gegenüber ihrem Finanzamt die Höhe des Auslands­ver­mögens und der auslän­di­schen Steuer nachweisen“, betont Marc Jülicher. Das Finanzamt kann die Übersetzung auslän­di­scher Bescheide und Urkunden verlangen. Beim Umrechnen der Steuer in Euro gilt der Devisen­briefkurs am Todestag oder Tag des Übergangs der Schenkung. Innerhalb der EU wird das Vermögen in der Regel aber wenigstens gleich bewertet. Betriebs­ver­mögen setzt das Finanzamt mit dem Wert an, der bei einem Verkauf im betref­fenden Land zu erzielen wäre. Bei Anteilen an Kapital­ge­sell­schaften orien­tieren sich die Beamten an den Kursen im Emissi­onsland. Bei Grund­ver­mögen ziehen die Behörden vielfach auch einen auslän­di­schen Steuer­be­scheid und Katas­ter­werte heran.

Tochter­ge­sell­schaft gründen Was das Betriebs­ver­mögen betrifft, gibt es für Unter­neh­mer­fa­milien aber in Absprache mit Steuer­be­rater und Rechts­anwalt einen relativ sicheren Weg für die Übergabe an die nächste Generation. Gewählt hat ihn unter anderem die Firma Bleistahl, ein Spezialist für Ventil­sitz­ringe und Ventil­füh­rungen im westfä­li­schen Wetter, der als Entwick­lungs­lie­ferant weltweit mit Autokon­zernen koope­riert. Vor zwei Jahren ging der Famili­en­be­trieb sogar nach China, finan­ziert mithilfe der NRW.Bank.

„Bleistahl ist dort, wo unsere Kunden sind“, fasst Michael Peussner, Leiter des Finanz- und Rechnungs­wesens, die Maxime der Kunden­ori­en­tierung in einem Satz zusammen. Um in allen Regionen juris­tisch auf der sicheren Seite zu sein, hält das Unter­nehmen sein Auslands­ver­mögen in Tochter­ge­sell­schaften. „Die Konstruktion bietet viele recht­liche und steuer­liche Vorteile, wenn die Firma auf einen Nachfolger übergeht“, erklärt Peussner. Dann übernimmt der neue Inhaber nämlich die gesamte Gruppe inklusive der auslän­di­schen Tochter­ge­sell­schaften – und es gelten nur die deutschen Gesetze.


Quelle: TRIALOG, Das Unter­neh­mer­ma­gazin Ihrer Berater und der DATEV, Heraus­geber: DATEV eG, Nürnberg, Ausgabe 03/2014

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